Exkursion in die Vergangenheit S. 1

Exkursion der Kl. 10 b in ein dunkles Kapitel der Geschichte
Mai 2005

 (zi) Im Rahmen des Geschichtsunterrichts bei Herrn Michael Niziak, Studienreferendar am Gymnasium Warstade, besuchte die Klasse 10 b in Begleitung von Klassenlehrer Zickelbein das Kreisarchiv in Otterndorf. Beim Stichwort „Archiv“ denkt man eigentlich an vollgestopfte Regale, alte Akten und staubige Räume. Was hat die Klasse nun tatsächlich erwartet ? Zuerst einmal ein historisches Gebäude mit steilen Treppen, schiefen Wänden und knarrenden Fußböden. Das alte Haus gehörte bis 1943 einer Otterndorfer Kaufmannsfamilie und steht heute unter Denkmalschutz, wird jedoch als Archiv des Landkreises Cuxhaven genutzt.

 Und in der Tat sind die Räume bis unter die Decke mit Büchern und Ordnern bestückt. Im barocken Speicher des Kranichhauses ging es dann an die Arbeit, nachdem die Klasse durch Herrn Hoffman und später auch von Frau Kuhnt  entsprechende Einweisungen in die Archivbenutzung und das Datenschutzrecht erhalten hatte. Die verstaubten Akten erwiesen sich recht schnell als inhaltlich gar nicht so verstaubt, da sie sehr anschauliche lokalgeschichtliche Einblicke in die Zeit des Dritten Reichs boten, mit denen man so gar nicht gerechnet hatte.

 „Ist dieser Erlass wirklich echt ? Da ist ja ein Hakenkreuzstempel drauf !“ – „Stammt dieser Brief hier wirklich von Hitlers Stellvertreter ?“ – „War der oberste Chef der SA wirklich persönlich auf der Schwebefähre in Osten ?“ – „Guck mal, die Schreibma- schinen bei den Nazis hatten sogar eine eigene Taste für die SS!“

 Das gibt’s nicht ? Doch ! Die Schülerinnen und Schüler hielten echte Dokumente in den Händen. Geschichtsunterricht bewirkte bei der Klasse 10 b durch die fachkundige Leitung von Herrn Niziak real „fassbare“ Betroffenheit. Die historische Neugierde war geweckt.

 Kathrin Petermann, Katharina Oest und Tore Dubbert hielten nun  die Lokalzeitungen von damals in den Händen und staunten nicht schlecht über die völlig einseitige Berichterstattung zum Reichstagsbrand am 27. Februar 1933.  Briefwechsel wegen eines aus politischen Gründen in Ungnade gefallenen Frisörs aus Cadenberge beschäftigten Isabelle Rakow, Britta Wilkens, Heike Lewrentz und Kevin Stelling. In diesen Fall hatte sich sogar der damalige Landrat eingemischt, so dass es zu einer Art Berufsverbot für den Frisör gekommen war.

 Über die Anwendung eines Schulerlasses zur „Rassentrennung“ vom 10.09.1935 konnten Johanna Jaromin, Insa Kühlcke-Schmoldt, Martin Schößler und Florian Meyn nur den Kopf schütteln:  „Bei uns im Landkreis ? Unfassbar !“

Lageberichte eines Bürgermeisters aus der Zeit von 1935 bis 1939 zeigten Tilman Rüsch, Jan Stelling, Franziska Läsche und Manuela Topp, wie die NS-Politik selbst kleinste Dörfer erfasste. Gleiches gilt für die Maßnahmen, die in unserem Landkreis gegen jüdische Mitbürger vorgenommen worden waren. Hierzu konnten Nils Umlandt, Agnes von der Decken, Linda Lange und Matthias Freund  Originaldokumente der Gestapo aus den Jahren 1935 bis 1939 einsehen und erahnen, was es hieß, in einem Polizeistaat zu leben.  Aus dem Jahr 1936 fanden Janne Husen, Sören Nicolai, Dagobert Tiedemann und Jennifer Elbrandt sogar Schriftstücke darüber, wie man „judenfeindliche Schilder“ zu formulieren hatte. Und Jan-Henrik Horwege, Ramona Römer, Nadine von Bargen und Alexander Eberhard konnten selbst beim Thema der Reichspogromnacht vom 09. zum 10. November 1938 schnell beweisen, dass die oftmals von Zeitzeugen gehörte Ausrede

                     „Nee, door hebbt wi nix von weeten !“

 eine reine Schutzbehauptung sein dürfte.

Die Klasse ist jetzt dabei, diesen hochinteressanten Archivbesuch mit ihrem Geschichtslehrer Herrn Niziak noch näher auszuwerten und eventuell darüber eine Schautafel im Foyer des Gymnasiums zu erstellen.                             


Im Kreisarchiv Otterndorf: Man sieht den Wald vor lauter Akten nicht


Nun geht es ans Recherchieren


Erfahrungsaustausch zwischen Herrn Zickelbein und Frau Kuhnt vom
Kreisarchiv zum Stand der Warstader Festschrift

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